Radio-Materndienst: Die Welt in 90 Sekunden

Darf ich mal für einen kurzen Moment in der Vergangenheit schwelgen? Private Radiosender gibt es in Deutschland seit mehr als 30 Jahren. Fast 200 Sender, die tagtäglich im Programm ausstrahlen und in unserer Medienlandschaft zu einer festen Größe geworden sind. Eine feste Größe, sowohl was die Unterhaltung der Hörerinnen und Hörer betrifft, als auch bei der Verteilung von Werbeetats. Trotzdem hat sich in den letzten 30 Jahren vieles verändert. Damals wehte Pioniergeist durch die Studios vieler Privatsender. Man wollte es den etablierten öffentlich-rechtlichen Stationen zeigen. Damals wurde viel experimentiert: Moderatoren, die zur Außensendungen per Hubschrauber eingeflogen wurden, Talkrunden, außergewöhnliche Gewinnspielaktionen, aktive Hörerbeteiligung. Ja, das war sie, die gute alte Radiozeit.

Radio-PR am Limit

Damals fragte noch niemand danach, wie lang ein Radio PR Beitrag sein darf. Gut, es gab die ungeschriebene Definition, dass 3 Minuten eine ordentliche Länge seien. War ein Beitrag mal 3:30 oder 3:40 Minuten lang, erntete man allenfalls ein paar spöttische Bemerkungen in der Redaktion – mehr aber auch nicht. Irgendwann wurden dann die Moderatoren einer Außensendung nicht mehr mit dem Hubschrauber eingeflogen, die Experimente nahmen ab, Mainstream setzte sich durch und die Beiträge auf das Standardmaß 2:30 Minuten heruntergekürzt. Der neue Ehrgeiz lag nun darin, in dieser Zeit ein Thema, am besten noch mit ein paar Statements aus einer Straßenumfrage oder der passenden Musikeinspielung und natürlich mit ein paar knackigen Interviewaussagen, optimal umzusetzen. Die Hörerinnen und Hörer wollten weniger Wort und mehr Musik. Zumindest war das die gängige Lehrmeinung. Vor allem war das leider nicht das Ende der Fahnenstange. Nein, irgendwann vor ungefähr acht Jahren setzte sich bei den Radio Maternbeiträgen das Format „1:30“ als Quasi-Standard durch. 90 Sekunden, mehr war nicht erwünscht. Darf ich ehrlich sein? In den ersten Wochen habe ich geschluckt. Wie soll man ein Thema in 90 Sekunden darstellen? Aber es half ja nichts, der guten alten Radiozeit nachzuweinen, in der ein Beitrag doppelt oder dreimal so lang sein durfte. Nein, man arrangierte sich, kürzte, wo es ging und lernte, dass man bei einem Radio PR Beitrag den Kern eines Themas auch in 90 Sekunden rüberbringen kann. Neulich habe ich übrigens erfahren, dass man auch mit 60 Sekündern operiert. Einen journalistischen Beitrag mit Interviewstatements sollte man in einer Minute nicht erwarten. Was man in dieser Zeit umsetzen kann, ist ein redaktionell anmutender, längerer Werbespot. Also ein Infomercial, das dann auch im Werbeblock oder als Singlespot ausgestrahlt wird. Solche Informercials haben neben den klassischen, sendefertigen Radio Maternbeiträgen durchaus ihre Berechtigung. Vor allem, weil alle Beteiligten wissen, dass man dabei wirklich nur eine Kernbotschaft vernünftig kommuniziert bekommt.

Manchmal aber, wenn meine Stoppuhr schon 1:28 Minute anzeigt, überfällt mich eine wehmütige Sehnsucht nach den Jahren, in denen der 3 Minuten Beitrag gewünscht war. Vielleicht kommt diese Zeit ja wieder, weil es einen Trend zu mehr Content gibt, weil die Hörer nicht von einem Thema hören wollen, sondern sich informieren möchten. Oder weil es plötzlich wieder cool ist, den Moderator einer Außensendung mit dem Hubschrauber einzufliegen.

Radio-PR.net
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